Laminar Airflow statt Strandurlaub
23. September 2011 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Berufsstart
Famulatur in der Apotheke des Klinikums Darmstadt

Laminar Airflow statt Strandurlaub

Die Empfangshalle des Klinikums Darmstadt

Während viele Studenten in den Wintersemesterferien Ski fahren und im Sommer am Strand räkeln, müssen wir Pharmaziestudentinnen bis zum ersten Staatsexamen acht Wochen Famulatur vorweisen. Die Begeisterung hat sich erst einmal in Grenzen gehalten, zumal es viele Vorurteile gegenüber den Aufgaben eines Praktikanten gibt. Denn in unserer Freizeit wollten wir uns nicht gerade mit Kaffee kochen und Ordner sortieren beschäftigen.

Nachdem wir die ersten vier Wochen Famulatur in der Apotheke verbracht hatten – bei der übrigens sämtliche Vorurteile bezüglich Praktikantenjobs widerlegt wurden – wollten wir noch andere Einblicke in den Apothekerberuf gewinnen. Deshalb absolvierten wir den zweiten Teil unserer Famulatur in der Krankenhausapotheke des Klinikums Darmstadt.

Hier arbeiteten wir jeden Tag von 7.30 Uhr bis 15.45 Uhr. Zuerst lernten wir die 25 Mitarbeiter und die Apotheke kennen, die aus Offizin, Zytostatika-, Herstellungs- und Analytiklabor, Verbandstoff- und Infusionslager, Wasseraufbereitungsräumen, Büroräumen, Spülraum, Bibliothek und Aufenthaltsbereich besteht.

Anschließend wurden wir mit den Vorgängen in der Klinikapotheke vertraut gemacht. Mehrmals am Tag gehen in der Offizin auf elektronischem Weg oder per Fax die Bestellungen ein. Diese kommen von den Stationen des Klinikums und aus Krankenhäusern aus der Umgebung, die von der Krankenhausapotheke des Klinikums mitversorgt werden. Die eingegangenen Bestellungen werden von einem Apotheker bearbeitet. Die gewünschten Artikel werden auf Kommissionierlisten ausgedruckt und von den PTAs und PKAs nach und nach bereitgestellt und in Kisten verpackt. Diese werden schließlich von zwei Mitarbeitern auf die Stationen gebracht oder von einem Fahrer der mitversorgten Krankenhäuser abgeholt.

Offizin

In der Offizin werden Fertigarzneimittel, Defekturen, Kühl-/Gefrierartikel und in einem Tresor Betäubungsmittel gelagert. Zusätzlich gibt es ein Infusionslager und ein Verbandstoffraum für Binden, Kompressen, Zellstoff usw. Bei der Ausgabe von Arzneimitteln und Verbandsstoffen durften wir feste mitwirken, natürlich wurde jede Bestellung von einer PTA oder einem Apotheker freigegeben.

Arzneimittel-Lagerung in der Krankenhaus-Apotheke

Ist der Mindestvorrat eines Fertigarzneimittels unterschritten, so wird dieses beim Hersteller direkt, nur selten beim Großhandel, nachbestellt. Dieser Vorgang wird in einem separaten Büro von PKAs ausgeführt. Eine weitere Aufgabe der PKAs ist der Abgleich der bestellten mit den tatsächlich gelieferten Medikamente, die darauf folgende Verbuchung im Warenwirtschaftssystem und die Weiterleitung der Unterlagen an die Finanzabteilung des Klinikums. Auch diese Aufgaben durften wir übernehmen.

Rezeptur

Werden von der Apotheke Rezeptursubstanzen bestellt, so müssen diese vor der Weiterverwendung im analytischen Labor zunächst geprüft werden, um sicherzustellen, dass es sich bei der gelieferten Substanz auch wirklich um diese handelt und sie keine Verunreinigungen enthält – eine Maßnahme zur Arzneimittelsicherheit. Alle eingehenden Rohstoffe werden mit einer internen Prüfnummer versehen, die auf dem entsprechenden Prüfprotokoll sowie auf der Substanz vermerkt wird.

Bei diesen Nachweisen, die nach dem Arzneibuch durchgeführt werden, konnten wir unsere Kenntnisse aus dem ersten Semester anwenden. Dünnschichtchromatographie, Schmelzpunktbestimmungen, die Auswertung einer IR-Spektroskopie oder der Chloridnachweis mit Silbernitrat durften wir unter Aufsicht einer PTA relativ selbständig durchführen. Freigegeben wurden die Rohstoffe aber erst nach Kontrolle durch einen Apotheker. Anders als in der öffentlichen Apotheke wird von jeder Substanz eine kleine Menge in ein Röhrchen abgefüllt und aufbewahrt. Dieses so genannte Rückstellmuster kann man im Falle von Komplikationen später weiteren Untersuchungen unterziehen.

Sterile Herstellung

Die freigegebenen Stoffe dienen nun der Rezeptur- und Defekturherstellung. Das Arzneimittelherstellungslabor gliedert sich in zwei Bereiche: Im sterilen Bereich werden beispielsweise Perfusorspritzen, Nasen- oder Augentropfen unter einem Laminar Flow hergestellt. Ein Laminar Flow ist eine Arbeitsfläche mit einem speziellen Abzug, dessen Luftstrom das Kontaminationsrisiko minimiert. Der nicht sterile Bereich dient der Herstellung von Cremes, Gelen, Lösungen, Kapseln und vielem mehr. Auch hier werden Rückstellmuster eingelagert.

Steriles Arbeiten unter Laminar Airflow

Im Zytostatikalabor werden für die Patienten der Onkologischen Ambulanz die Arzneimittel zur Krebstherapie hergestellt. In dieses Labor wird der Zugang nur mit Schutzkleidung, also gesondertem Kittel, Haube, Mundschutz, zwei Paar Handschuhen und extra Schuhen durch eine „Schleuse“ gewährt. Hier durften wir nur zuschauen und Fragen stellen. Das selbstständige Arbeiten war uns hier – zu Recht – untersagt.

Zytostatika

In der Onkologischen Ambulanz wurde uns gezeigt, was mit den Zytostatika passiert, bei deren Herstellung wir in der Apotheke dabei waren. Beeindruckend war, wie eng Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker zusammenarbeiten. Den Patienten der Tagesklinik wird zuerst Blut abgenommen um ein Blutbild zu erstellen. Die Zytostatika werden erst nach Feststellung der Blutwerte hergestellt, da der Patient bei schlechten Blutwerten nicht therapiert werden dürfte. Das teure und nur kurz haltbare Zytostatikum müsste dann entsorgt werden.

Einen anderen Vormittag durften wir auf der Mutter-Kind-Station verbringen, wo wir das Stationsleben und den doch eher stressigen Alltag kennen lernten. Wir halfen beim Austragen des Frühstücks und schauten zu, wie die süßen Kleinen gewogen und gewickelt wurden. Wir halfen beim Betten machen und passten auf die Babys auf, während die Mütter duschen gingen oder sich ausruhten. Auch bei der morgendlichen klinischen Visite der Ärzte durften wir teilnehmen.

Das medizinische Labor

Bei einer Führung durch das medizinische Labor des Klinikums wurde uns die Untersuchung von Blut, Liquor, Abstrichen, Punktaten, Urin und Stuhl erläutert. Das Labor, das jährlich 2,5 Millionen Untersuchungen durchführt, ist rund um die Uhr besetzt, um bei Notfällen jederzeit Laborergebnisse bekommen zu können. Die Untersuchungen reichen von der Blutgruppenbestimmung bis hin zur Überprüfung auf bestimmte Viren. Die Probe wird dazu auf einen Nährboden gegeben, dieser wird für eine Weile in einen Brutschrank gelegt, in dem, wie wir selbst feststellen durften, ein tropisches Klima herrscht. Wenn der Test positiv ist, bildet sich nach einer Weile eine Färbung auf dem Nährboden. Wir sahen zum Beispiel eine positive Frühsommermeningoenzephalitis- und MRSA-Probe sowie Antibiotika-Resistenztests. Auch die Blutbank befindet sich im Medizinischen Labor. Hier werden die Blutkonserven für die verschiedenen Blutgruppen gelagert.

Das Ernährungsteam

Einen weiteren Vormittag durften wir das Ernährungsteam begleiten, welches aus zwei Krankenschwestern besteht, die speziell für die Bedürfnisse der klinischen Ernährungssituationen ausgebildet worden sind. Zuerst wurden uns die verschiedenen Produkte vorgestellt, die speziell auf Patienten mit krankheitsbedingtem Gewichtsverlust oder Appetitlosigkeit abgestimmt sind. Auch Patienten, die wegen Kau- oder Schluckstörungen, Verengungen im Hals oder Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt leiden benötigen Spezialnahrung.

Die Patienten werden zuerst gewogen, um zu sehen ob Untergewicht vorliegt. Anschließend wird eine Bioimpendanzanalyse durchgeführt. Hierbei werden die Fett-, Wasser- und Muskelanteile des Körpers ermittelt. Anhand dieser Werte kann dann ein Ernährungsplan speziell für diesen Patienten erstellt werden.

Das Klinikum Darmstadt

Bei Menschen die nicht mehr in der Lage sind auf herkömmlichem Weg Nahrung zu sich zu nehmen, besteht die Möglichkeit eine Sonde zu legen. Über diesen Zugang gelangt die flüssige Spezialnahrung direkt in den Magen oder den Darm. Daneben besteht die Möglichkeit, den Patienten intravenös zu ernähren. Dabei erhält er die notwendigen Ernährungskomponenten in der Form einer Infusionslösung über einen sogenannten Port direkt in die Blutbahn

In der Pathologie

Besonders interessant war für uns der Besuch der klinikeigenen Pathologie. Sehr gespannt was uns erwartet und voller Neugierde kamen wir im Labor an. Zuerst durften wir zuschauen, wie Gewebeproben – sogenannte Schnellschnitte – in Paraffin eingebettet wurden. Diese wurden abgekühlt und in hauchdünne Scheiben geschnitten. Diese Scheiben wurden auf einen Objektträger gegeben, in verschiedene Bäder eingetaucht und schließlich eingefärbt. Entgegen unseren Vorstellungen umfasst die Pathologie weit mehr als Obduktionen. Ein viel größeres Gebiet ist die Krebsdiagnostik mittels mikroskopischer Untersuchungen. Hier kann noch während einer Operation festgestellt werden, ob ein Patient an einer gut- oder bösartigen Krebsart leidet beziehungsweise ob es sich bei einer Veränderung im Gewebe überhaupt um einen Tumor handelt. Die Untersuchungen werden anhand von Proben verschiedener Organe wie Magen, Darm, Lunge, weiblicher und männlicher Genitalien, Knochenmark und Lymphknoten sowie an Körperflüssigkeiten durchgeführt. Die Gewebeproben werden in Formalin fixiert und konserviert. Wir durften dabei sein, wie Organe seziert werden und sahen ein Herz, ein Gehirn, einen Darm und eine Gebärmutter. Da wir diese Organe zuvor nur auf Bildern gesehen hatten, war das ein sehr faszinierender Anblick. Sehr bewegt waren wir auch von einem Embryo und wie weit dieser, obwohl erst wenige Wochen alt, schon entwickelt war. Dieser Besuch war wirklich eine einmalige Gelegenheit für uns, die man so schnell nicht vergisst.

Durch die verschiedensten „Tagesausflüge“, ob in die Pathologie oder auf die Mutter-Kind-Station, ob in die Onkologische Ambulanz oder mit dem Ernährungsteam, haben wir ganz unterschiedliche Eindrücke und Erfahrungen gesammelt unseren Horizont erweitert. Zu unseren „Mitbringseln“ zählen nicht nur fachliche Neuerkenntnisse sondern auch menschliche Erfahrungen für unser ganzes Leben. Mit Sicherheit werden uns diese, vor allem bei der Frage, wo wir uns nach dem Studium sehen, stets zur Seite stehen.

Letztendlich können wir mit Überzeugung sagen, dass sich die erwartete Praktikantenarbeit und die anfängliche Skepsis nicht bewahrheitet haben. In diesem Sinne muss betont werden, dass sich eine Famulatur auf jeden Fall lohnt. Die Apotheke des Klinikums in Darmstadt ist absolut geeignet, um einen guten Einblick in den Beruf des Apothekers zu erhalten. Ein großes Dankeschön an alle Angestellten der Apotheke und an all diejenigen, die uns Einblicke in andere Bereiche des Klinikums ermöglicht haben.

Und Kaffee kochen? Wir wissen nicht einmal, wo hier die Kaffeemaschine steht!

Hanna Fischer und Cathrin Flauaus, Pharmaziestudentin aus Frankfurt/M.

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