Ein Tag, so wunderschön wie heute…
24. September 2011 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Studium
Alltag im Pharmaziestudium

Ein Tag, so wunderschön wie heute…

Es ist wieder einmal allerhöchste Eisenbahn! Während ich die Treppen runterflitze und zum Bus sprinte, fahre ich mir mit den Fingern noch mal durch die Haare und hoffe, dass T-Shirt, Schal, Hose und Schuhe irgendwie einigermaßen zusammenpassen. Ich habe Glück, der Bus steht noch und so lasse ich mich schnaufend neben einer älteren Dame nieder, packe mein Skript aus und fange an, mich in den Stoff zu vertiefen.

Als Apotheker muss man studiert haben?

„Ja was lernen Sie denn da für komische Sachen?“ höre ich es neben mir und schaue auf. Die Frau mit rotem Hut schaut fasziniert von meinem Ordner zu mir und wieder zu meinem Ordner. „Chemie“ antworte ich. „Aha, H2O und so“ Beifall heischender Blick ihrerseits. „Äh ja, stimmt genau“. „Und das kann man also an unserer Universität studieren?!“ „Sicher! Aber eigentlich studiere ich Pharmazie“ „Ja was kann man denn damit machen?“ „Na, wenn ich meinen Abschluss habe, bin ich Apothekerin“. „Waaaas??? Dafür muss man studieren?“ Selbstverständlich kläre ich die Dame auf und bin froh, als ich endlich aussteigen kann. Durchlesen kann ich meine Unterlagen natürlich nicht mehr. Wenn ich heute bei dem Test null Punkte bekomme, ist die Frau mit Hut schuld, soviel steht fest.

Test am Morgen

Punkt 8 Uhr liegt ein Stapel ordentlich zusammengehefteter Blätter vor mir. Kreuzchen für Kreuzchen kämpfe ich mich durch den Fragendschungel. Nach 15 Minuten ist alles vorbei. Ob man am Ergebnis merken wird, dass ich das ganze Wochenende Geburtstagsgäste im Haus hatte und den Stoff heute Nacht im Schnellverfahren lernen musste, wird sich zeigen. Lange darüber nachdenken kann ich jedenfalls nicht. Im dritten Stock wartet mein korrigiertes PBII–Heft. Vier Zeichnungen sind noch mal zu verbessern. Immerhin!

Das Mikroskop einstellen, Schnitte anfertigen und zeichnen sind mittlerweile Routine. Irgendwie stimmen jedoch die Proportionen bei meiner Schwanzpfeffer-Zeichnung nicht. Zumindest sind die Übungskurse eine gute Möglichkeit, den neuesten Tratsch auszutauschen. Aber auch dafür bleibt nicht viel Zeit.

Foto: Fotolia

Chaos, Kopfweh, Kolloqs

Das Labor wird geöffnet. Unsere Hexenküche. In einem der letzten Harry Potter-Filme stellte ich verblüffende Ähnlichkeiten zwischen unserem Organik-Labor und dem Hogwarts´schen Fach „Zaubertränke“ fest.

Was da alles köchelt, blubbert und rührt ist mehr als fragwürdig und auch heute wieder hängt ein Duft in der Luft, der alle anwesenden Nasen zutiefst beleidigt.

Ich werfe einen Blick auf den Inhalt meines Kolbens und stelle erleichtert fest, dass dieser weder explodiert ist noch sonst großartige Veränderungen aufweist. Alles in allem ist es eine dickflüssige rotbraune Pampe. Also ab an die Arbeit.

Zutropfen, kochen lassen, abfiltrieren, reinwaschen, trocknen, nebenher eine DC machen. Klappt doch! Dann der Schock. Der Schmelzpunkt meines hergestellten Flouresceins liegt 20 °C neben dem Literaturwert und auf der DC herrscht ein einziges Durcheinander von Edukt und Produkt. Das Produkt ist verunreinigt. „Umkristallisieren“ lautet der Rat des Assistenten. Immerhin besser als die Diagnose unserer resoluten Assistentin zum Präparat einer Freundin: „Das sieht aus wie Scheiße und ist auch scheiße.“

Also baue ich alles Nötige zum Umkristallisieren auf, zerbreche einen Kolben, suche den Steckschrauber, verleihe meinen Fön und lasse beinahe meine Konstruktion in sich zusammenstürzen, wenn nicht mein geistesgegenwärtiger Kochnachbar in Sekundenschnelle die Stativstange schnappen und somit mein Produkt vor dem sicheren Ruin bewahren würde.

Beim anschließenden Umkristallisieren denkt mein Fluorescein nicht im Traum daran, sich zu lösen. Stattdessen schmelzen meine Stopfen in den Kolben. Ich laufe zur Chemikalienausgabe. Die hat natürlich schon geschlossen. Eine Freundin leiht mir ihre Stopfen, mein Produkt löst sich immer noch nicht, bald ist das Lösungsmittel alle.

Am anderen Ende des Raumes macht sich währenddessen ein großes Stimmengewirr breit. Ein Student hat eine Chemikalie ins Auge bekommen. Die Augendusche kommt zum Einsatz.

Nebenan haut es den Deckel vom Kolben, der Abzug war nicht zu. Keine Verletzten. Morgen hat derjenige trotzdem einen Kuchenmitzubringen. Strafe muss sein. Die widerlichen, nach Stinkefüßen riechenden Dämpfe verteilen sich sekundenschnell im Laborraum. Ich bekomme Kopfweh und bemerke, dass ich schon lange nichts mehr getrunken habe. Nachdem ich einen halben Liter Wasser in mich habe hineinlaufen lasse, kehre ich zurück ins Labor um festzustellen, dass mein Fluorescein immer noch trüb ist. Als ich einen Assistenten fragen möchte, was jetzt zu tun sei, stehen schon zehn andere vor mir in der Schlange.

Mittlerweile kommt der Krankenwagen und nimmt den Augen-kontaminierten Kommilitonen mit. Das Weiße seiner Augen ist knallrot. Alle sind bestürzt, arbeiten vorsichtiger.

Als ich endlich an der Reihe bin, rät mir die Assistentin, das Fluorescein bei lauwarmer Temperatur zu filtrieren. Wenn ich Glück habe, dann sind die Edukte jetzt rausgewaschen. Während ich mein Produkt abkühlen lasse, hole ich mir in der Mensa Schokolade, damit mein Zuckerhaushalt wieder stimmt. Auf dem Weg dorthin sammle ich Klatschmohn für mein Herbarium und werde von vorbeischlendernden Geisteswissenschaftlern interessiert dabei beobachtet. Als ich wiederkomme, berichtet mir eine Freundin, dass der Chef der Pharmazeutischen Chemie im Labor war und Platzkolloqs abhielt. Von nun an bin ich angespannt und wie alle andern auf der Hut. Der Professor kann jederzeit zurückkehren. Ich fahre mit meiner Arbeit fort.

Ende in Sicht

Als mein Fluorescein endlich zum trocknen im Vakuumschrank steht atme ich auf. Der Labortag ist so gut wie gelaufen. Die DC und Schmelzpunktmessungen mache ich morgen.

Jetzt noch spülen. Erst jetzt kann ich die Bedeutung des Namens Fluorescein in seiner Gesamtheit begreifen. Ein Tropfen Wasser genügt und meine Laborgeräte, mein Laborplatz, meine Handschuhe und mein Kittel leuchten in Textmarker-grün. Mit Aceton wird alles neongelb. Auch nicht besser. Meine Assistentin meint, das wären gute Zeichen. Ich scheine mein Präparat richtig hergestellt zu haben. Doch diese Zeichen bekomme ich einfach nicht mehr weg. Ich bin farbig wie eine Leuchtreklame, laufe endlos oft zu unseren Abfalltonnen und trotzdem sickert beim letzten Spülgang ein zart gelbes Abwasser den Ausguss runter. Ich bin überzeugt, dass heute Abend noch die Leute vom Wasserwerk bei mir anrufen, weil die Auffangbecken leuchten. Im Hintergrund dudelt der Radio: „Something in the Water“ von Brooke Fraser. Welch passender Refrain.

Alles wird gut

Auf den letzten Drücker bekommen wir Nachricht vom Krankenhaus. Der Kommilitone, der Chemikalien ins Auge bekam, wird keine bleibenden Schäden davontragen. Gott sei Dank! Punkt 18 Uhr werden wir stinkend und k.o. aus dem Labor gescheucht. Draußen hängen die Ergebnisse des Tests am Morgen. Kaum zu fassen, der Test war gut. Ich sollte vor Prüfungen öfters Party machen!

Als ich nach Hause fahre, rümpft ein Junge im vollen Bus neben mir die Nase. Ich überlege, ob ich ihm erklären soll, dass ich nicht immer nach einer Mischung aus Schwefel, verdorbenem Fisch und nassem Hund rieche, lasse es aber dann bleiben, weil ich an der Ampel eine Mauer entdecke, deren Steine genau so angeordnet sind, wie die Zellen meines Schwanzpfeffers. Diesen einen Schwung an den Ecken, den muss ich mir merken.

Feierabend

Zuhause fällt mir beim Gießen meiner Geranien wieder mein Klatschmohn ein. Ich klemme das schon leicht ermattete Pflänzchen in meinen eigens zum Pressen errichteten Bücherstapel, über den ich im Dunkeln regelmäßig falle und mache mir etwas zu Essen. Beim Abendbrot zappe ich durch die Programme und bleibe an einem Bericht über ein Kloster mit Apothekergarten hängen. Es wird gezeigt, wie die Klosterschwestern selbst Salben, Öle und Tees herstellen, und während ich mich noch wundere, warum ich mich eigentlich auch privat mit meinem „Job“ beschäftige, fällt mir ein, dass ich noch meine Teedrogen lernen muss. Wie ich da so inmitten meiner 80 Tütchen voller Blätter, Blüten und Wurzelstockstückchen sitze überlege ich, wie ich wohl einem klingelnden Nachbar möglichst rasch erklären könnte, was ich hier mache, bevor er mir das Drogendezernat auf den Hals hetzt. Doch ich habe Glück und die Türglocke bleibt still. Stattdessen klingelt das Telefon und eine befreundete BWL-Studentin beschwert sich über ihren öden, vorlesungslastigen Tag an der Uni. Auch wenn mein Studium alles Mögliche ist, öde kann man es wahrlich nicht nennen. Todmüde sinke ich ins Bett.

Am nächsten Morgen im Bus bemerke ich, wie sich mir ein roter Hut nähert. Die Dame rutscht neben mir auf die Bank. „Sie sind doch da Expertin“ fängt sie an und fragt mich etwas zu einer Salbe, das sie nicht versteht. Nachdem ich ihr tatsächlich helfen kann, strahlt sie mich an: „Wissen Sie, solche Leute wie Sie sind goldwert.“ Und verabschiedet sich dankbar. In solchen Momenten weiß ich, warum ich Apothekerin werden möchte!

Von Johann Ackermann,
Pharmaziestudentin in Mainz

 

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